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Gehörst du zu den Menschen, die alles persönlich nehmen?

Du regst dich über deinen Kollegen auf, weil dieser bereits den ganzen Tag schlechter Stimmung ist. Wegen des Jobs im Allgemeinen, des Projektes, an dem ihr beide gerade arbeitet, wegen des schlechten Arbeitsklimas.

Deine Mutter jammert dir am Telefon die Ohren voll, dass du sie zu selten besuchst.

Dein Partner ätzt abends mit seinen Kommentaren, zu deinem Job, zu deiner Mutter.

Und du? Du ziehst dir jeden Schuh an, der im Weg rumliegt.

Du nimmst alles persönlich. Fühlst dich für alles verantwortlich. Suchst bei dir die Schuld.

Oder du verfällst ins Gegenteil und rastest regelrecht aus? Wirst wütend, ungerecht, verletzend.

Egal, wie du auch reagierst, beides gefällt dir nicht. In der einen Situation fühlst du dich als passives Opfer, in der anderen als unbeherrschter Choleriker.

Du wirst immer unsicherer und gereizter. Gleichzeitig auch immer frustrierter.

Und du fragst, dich wieso du dir alles so zu Herzen nimmst. Weshalb du nicht einfach gelassen bleiben kannst.

Mittlerweile hast du kaum Lust zur Arbeit zu gehen oder mit deiner Mutter zu telefonieren. Und auf deinen Partner bist du auch immer schlechter zu sprechen. Oder gehst ihm sicherheitshalber aus dem Weg.

Zudem bekommst du immer häufiger körperliche Symptome, wie Rückenverspannungen oder Kopfschmerzen, von denen du annimmst, dass sie ursächlich auf diese Situation zurückzuführen sind.

Kurz und gut – du fühlst dich mittlerweile hilflos, weil du nicht der Spielball der Stimmungen und Forderungen anderer werden willst. Und auch nicht zum Spielball deiner Emotionen.

Dann mache es wie die Lotusblume.

 

Warum die Lotusblüte?

Ganz einfach. Sie hat etwas, was du jetzt gerne hättest. Eine Art Selbstreinigungseffekt oder auch  Abperleffekt.

Dieser lässt allen Schmutz, alles Belastende an der Pflanze abperlen.

Wie das? Aufgrund der hohen Oberflächenspannung von Wassertropfen haben diese die Tendenz eine Kugelform zu erreichen. Kommt ein Wassertropfen nun mit einer glatten Oberfläche in Kontakt, so wirken Adhäsionskräfte welche zu einer Benetzung führen. Durch die starke Versiegelung auf der Oberfläche einer Lotosblüte oder eines Insektes, reduzieren sich die Adhäsionskräfte der Oberfläche so stark, dass eine Benetzung nicht mehr stattfinden kann und der Tropfen von der Oberfläche abperlt und dabei die Oberfläche sogar noch reinigt.

Gleichzeitig lässt die Oberfläche der Lotusblüte doch all jene Nahrungsstoffe durch, die die Pflanze für ihr Wachstum und zur Entwicklung braucht.

Sie unterscheidet somit geschickt zwischen unnötigem Ballast und (lebens)notwendigen Stoffen.

Das heißt im übertragenen Sinn für uns Menschen, dass wir sowohl den Abperleffekt als auch den Durchdringungseffekt für notwendige Informationen/Geistesnahrung brauchen.

Wie genau funktioniert nun der Lotusblüteneffekt?

 Bleiben wir im Businesskontext. Bestimmt kennst du Kollegen, die kaum Informationen an sich heranlassen. Kritik oder Anregungen perlen an ihnen ab, dringen nicht zu ihnen durch.

Sie machen weiterhin ihren Stiefel, ohne sich über die möglichen negativen Folgen bewusst zu sein.

Das ist der Abperleffekt in Reinkultur.

Das hat zwar die Folge, dass kaum etwas an diese Menschen wirklich herangeht, sie also kaum etwas wirklich berührt.

Gleichzeitig aber sind sie auch wichtigen Informationen nicht zugänglich, nichts dringt zu ihnen durch.

Schwierige Geschäftspartner, schwierige Kollegen oder Vorgesetzte.

Das Gegenteil sind Menschen, die jede Information, die zu ihnen durchdringt, in sich aufnehmen und entsprechend handeln. Das macht sie im ersten Moment zwar umgänglich, bei näherem Hinsehen wirken sie allerdings ohne Rückgrat, wie ein Fähnchen im Wind.

Du ahnst es schon, das entweder/oder macht den Lotusblüteneffekt nicht aus. Der braucht das Abperlen als auch das Durchlassen.

 

Lotusblüteneffekt heißt loslassen und behalten

Eines voraus, es ist nicht so einfach, dass du dir jetzt vornehmen könntest: Ok, ab morgen mache ich die Lotusblüte. Du erinnerst dich? Bei deinem Kollegen? Deiner Mutter? Deinem Partner?

Es ist vielmehr ein Prozess. Wie das Häuten bei einer Schlange, nur anders rum. Also quasi Haut aufbauen, schützende Schicht zulegen. Und dabei die Durchlässigkeit doch nicht vergessen. Im Gegenteil sie als besonders wichtig zu erkennen. Denn diese Durchlässigkeit ermöglicht Wachstum und Entwicklung.

Der Lotusblüteneffekt ist die Balance zwischen dem Abwehren von Schädlichem und dem Erkennen und Annehmen von Gutem beziehungsweise wichtigen Informationen.

Wenn du in deinem Alltag, im Büro, mit deiner Mutter, deinem Partner diese Balance ebenfalls erreichen willst, dann solltest du dir erst einmal die Frage stellen:

Was schadet mir eigentlich die negative Aussage meines Kollegen?

Ist es, dass ich mich manipuliert fühle?

Warum ist dieses Verhalten meiner Mutter für mich schlecht?

Habe ich das Gefühl, dass ich nicht selbstbestimmt bin?

Was missfällt mir am Verhalten meines Partners?

Fühle ich mich nicht wertgeschätzt?

Erst, wenn du erkennst, was genau das Verhalten deines Gegenübers mit dir macht, kannst du wiederum mit deinem Verhalten bewusst darauf reagieren.

 

Dein Verhalten bestimmt dein Ergebnis

 

Dein Kollege beschwert sich über das Arbeitsklima, über andere Kollegen, die seiner Meinung nicht fair sind, die das Betriebsklima vergiften.

 

Du hast jetzt drei Möglichkeiten zu reagieren

Möglichkeit 1:

Du machst zu und sagst, dass du mit ihm nicht über den oder die abwesenden Kollegen reden möchtest. Lässt also sein Gemeckere an dir abperlen.

Hat zur Folge, dass du keine negativen Informationen bekommst, und du ruhig deiner Arbeit nachgehen kannst.

Hat aber auch zur Folge, dass der Kollege zukünftig nicht mehr so richtig gerne mit dir redet und möglicherweise wichtige betriebliche Informationen für sich behält. Dich also ausschließt.

Möglichkeit 2:

Du hörst genau zu, kommentierst in seinem Sinn und gibst ihm so Rückendeckung. Ja, du beziehst vielleicht Partei und ziehst dir somit den Schuh an, den er dir in den Weg stellt.

Hat zur Folge, dass du dich manipulieren lässt, da du den genauen Sachverhalt gar nicht kennst.

Hart auch zur Folge, dass du Informationen bekommen hast, die du weder brauchst, noch weiterverwenden willst. Aber du wirst als Gesprächspartner weiter eine beliebte Konstante sein.

Möglichkeit 3:

Du wendest die Lotusblütenmethode an.
Du überlegst dir im Gespräch, welchen Nutzen du von der Information hast, und ob du diesen überhaupt haben möchtest. Ob du ihn überhaupt brauchst. Und du überlegst dir, was du in der Situation tun möchtest. Ob du dich vor den Karren des Kollegen spannen lassen möchtest.

Deine Antwort an den Kollegen könnte sein, ob er den betreffenden Kollegen, der das Betriebsklima stört, schon angesprochen hat. und was dieser daraufhin sagte.

Falls dein Kollege daraufhin abwinkt und sagt, dass das nichts bringen würde, kann es ja nur bedeuten, dass es ihm doch nicht so wichtig war und er sich nur ein wenig bei dir ausheulen wollte.

Jetzt platziere deine nächste Frage:  „Und wie kann ich Ihnen dabei helfen? Was erwarten Sie, dass ich jetzt tue?“

Mit dieser Vorgehensweise erreichst du zweierlei: zum einen lässt du das Problem dort, wo es hingehört. Bei deinem Kollegen. Du wirst nicht sein Mülleimer für persönliche Differenzen mit einem Dritten. Es perlt an dir ab.

Und zum anderen erhältst du jedoch Informationen, die dir möglicherweise Nutzen bringen können. Das ist Durchlässigkeit.

Und was das Wichtigste ist, du hast selbst entschieden, was du an dich heranlässt und was du an dir abperlen lässt.

Genau wie die Lotusblüte hast du Schlechtes nicht an dich herangelassen, Wichtiges jedoch aufgenommen.

 

Das Lotusblütenprinzip funktioniert überall

Deine Mutter beschwert sich darüber, dass du so selten anrufst.

Vorgehen 1:

Du wirst sauer oder bekommst ein schlechtes Gewissen und blaffst zurück: „Ich habe so viel zu tun, bin total im Stress, hab auch noch andere Dinge zu erledigen.“

Vorgehen 2:

Du hörst die deutliche Kritik und bekommst ein schlechtes Gewissen. „Du hast recht, tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“

Das Prinzip der Lotusblüte überzeugt allerdings durch das dritte mögliche Verhalten: „Wie können wir eine Abmachung treffen, die uns beiden gerecht wird. Deinem Wunsch nach regelmäßigem Austausch, meinem Wunsch nach Selbstbestimmung?“

Wiederum lässt du Schlechtes, Ungutes nicht an dich heran. Lässt jedoch Raum für wichtige Informationen, die euer Verhältnis bessern können.

Letztes Beispiel, dein Partner ätzt über dein kollegiales Verhältnis und die Beziehung zu deiner Mutter.

Vorgehen 1:

Du wirst sauer und machst ihm sofort eine Szene. „Kannst du dich nicht um deine Dinge kümmern? Kehr lieber unter deinem Teppich.“ Fängst möglicherweise an zu heulen.

Vorgehen 2:

Du behältst deinen beruflichen Stress, die Querelenmit deiner Mutter für dich, redest nur noch über Belanglosigkeiten mit deinem Partner.

Verhältst du dich jedoch nach dem Prinzip der Lotusblüte, könnte deine Entgegnung lauten: „Ich fühle mich nicht sehr wertgeschätzt, wenn du die Sorgen, die ich habe, so abwertest. Ich versteh‘ jedoch auch, dass es dir nicht immer leicht fällt, hier neutral und entspannt zuzuhören. Wie können wir es hinbekommen, dass ich mich mit dir austauschen kann und du gleichzeitig Raum für deine Empfindungen bekommst?“

 

Kenne deine Bedürfnisse

Das Lotusblütenprinzip beruht in allererster Linie darauf, dass du deine Bedürfnisse kennst und sie auch formulierst.

Nur wenn du weißt, was du willst, was dir gut tut und im umgekehrten Fall, was nicht, kannst du entscheiden, was du an Informationen an dich heranlässt.

Dann fällt es dir auch leichter, all das Unangenehme, was du nicht brauchst, weil es dir nicht gut tut, an dir abperlen zu lassen.

Denk daran, das Problem gehört dem, der es hat. Dein Kollege, deine Mutter, dein Partner. Deine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es dir gut geht. Du entscheidest, was du an dich heranlässt und was du an dir abperlen lässt.

Mach es wie die Lotusblüte. Feel good. Be happy.