Seite auswählen

Manchmal ist weniger mehr

Wir haben zu viel. Zu viel von allem. Zu viele Klamotten im Schrank, zu viele Weingläser im Regal, zu viele Freunde auf Facebook, zu viele alte Umzugskartons im Keller mit Sachen, an die wir uns gar nicht mehr erinnern. Und vor allem gar nicht brauchen.

Kennst du bestimmt auch. Und womöglich stellst du die folgenden Fragen dir auch nicht zum ersten Mal: Weshalb habe ich von allem zu viel? Warum kann ich mich von Dingen nicht trennen?

Und ja, auch die Frage, weshalb halte ich weiterhin Kontakt zu Menschen aufrecht, die mir nicht wichtig sind. An die ich selten denke? Die ich vielleicht noch nicht mal sehr mag?

 

Ein Versuch zur Erklärung

Vor etwa 15 Tausend Jahren waren wir alle Jäger und Sammler. Wir liefen der Beute hinterher, und es war gar nicht möglich, allzu viel Zeugs anzusammeln. Ging irgendwie schlecht, mit vollgestopftem Hirschlederbeutel über Flüsse zu hechten und dabei den Wurfspeer zu schleudern. Oder die gesamte Höhleneinrichtung auf die Jagd mitzuschleppen.

Da genügten Messer, Fell, Feuerstein. Basta. So oder ähnlich muss es gewesen sein. Stelle ich mir vor.

Doch knapp fünftausend Jahre später wurden wir sesshaft, wurden Bauern. Mit einem Dach über dem Kopf, einem Zaun, um unsere Tiere zu schützen, einem Keller für Vorräte, einer Truhe für die Sommer- und Winterkleider. Das war’s. Jetzt konnten wir sammeln, was die Welt uns so vor die Füße warf.

 

Wir horten, was das Zeug hält

Eine weitere Blumenvase, diesmal aus fliederfarbenem Porzellan. Zu den anderen im Kellerregal dazugestellt. Irgendwann könnte ich sie ja brauchen.

Ein weiteres T-Shirt in Weiß. Davon kann man nie genug haben.

Eine zusätzliche Outdoorjacke, denn mittlerweile sind die mit ihrer Entwicklung schon viel weiter, als noch vor einem Jahr. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja dieses Jahr zur Montblanc-Runde.

Kennst du, so oder ähnlich. Doch warum handeln viele von uns so? Was ist der Grund für diese Sammelleidenschaft?

Könnte es Sorge sein? Sorge, irgendwann nichts mehr zu haben. In den Schrank zu schauen und festzustellen: Scheiße, kein einziges passendes T-Shirt mehr? Keine einzige vernünftige Blumenvase im Haus? Ganz, ganz großes Drama.

Und was träfe dann ein?

Käme dann aus dem Off eine schaurige Stimme, die uns zuraunt: “Du Looser, hast noch nicht mal eine richtige Outdoorjacke“.

Versteh mich jetzt nicht falsch, selbstverständlich halte ich Kleidung für wichtig. Und ich finde auch, dass Blumen auf dem Tisch in einer schönen Vase die Atmosphäre im Raum deutlich aufhübschen. Und ich habe auch gerne schöne Sachen um mich. Am liebsten gleich mehrere.

Doch was ich mittlerweile nicht für wichtig halte, ist die Ansammlung vieler Gegenstände in doppelter und dreifacher Ausfertigung.

Wir haben zu viel von allem, weil wir es gewohnt sind, im Überfluss zu denken. Weil wir es können und es von klein an nicht anders kennen. Wahrscheinlich hat kaum einer von uns Zeiten der Entbehrung und Not mitgemacht. Zum Glück.

Doch macht es uns glücklich, ich meine wirklich glücklich, über so viel Auswahl zu verfügen? So viel zu besitzen, zu haben? Oder schafft es eher nur Sorgen. Denn Besitz schafft Verantwortung. Und kostet. Vor allem Zeit. Denn er muss gepflegt, gewartet, beaufsichtigt werden.

Zeit, die du mit anderen Tätigkeiten füllen könntest. Die durchaus mehr Spaß machen könnten. Sport zu machen, zu meditieren, ein gutes Buch zu lesen, dich mit Freunden zu treffen.

Friedrich Nietzsche meinte dazu:

Der Besitz besitzt. Er macht die Menschen kaum unabhängiger.

 

Weniger ist mehr

Und um Unabhängigkeit, also Selbstbestimmung oder Autonomie, geht es doch im Leben. Oder zumindest hier auf diesem Blog. Darum, bewusst zufrieden und glücklich zu sein. Oder zu werden.

Und mir scheint, dass viel Besitz nicht viel glücklicher macht, als weniger Besitz.

Es gibt superschlaue Ratgeber dazu, wie man mit weniger klar kommt.

Wie man seinen Haushalt auf ordentliche Weise leerer, aufgeräumter bekommt. Nur noch das Wesentliche behält.

Manche dieser Bücher halten sich seit Jahren in den Bestsellerlisten. So wie die Entrümpelungsbibel „Magic Cleaning“ der Japanerin Marie Kondo. Japaner haben sogar einen eleganten Begriff dafür, was wir schnöde Entrümpeln nennen: Dan–Sha-Ri. Klingt doch gleich viel netter. Eher wie eine Yoga-Übung.

Aber auch das Buch ihres bekannten deutschen Kollegen, Werner Tiki Küstenmacher. Von Hause aus evangelischer Pfarrer und somit eher der Askese zugeneigt, hat auch er ein Buch dazu verfasst: „Entrümpeln“. Kurz und knackig.

All diesen Büchern ist gemeinsam, dass weniger mehr ist. Oder zu mehr führt.

Zu mehr Zeit, mehr Entspannung, mehr Raum, mehr Luft, mehr Durchatmen.

Und wie mir scheint, wird das heute immer wichtiger. Zeit und Raum für das Wesentliche zu haben. Zeit für das, was dir gut tut. Dich weiter bringt, oder zur Ruhe bringt. Ganz wie du es brauchst.

Und vor allem Raum für dich und deine Gedanken zu dir selbst. Was oder wer bin ich? Wo möchte ich hin? Was sind meine Ziele? Was ist mir wirklich wichtig?

 

Die Sache mit den vielen Freunden

Was mich zu einem anderen Sammelphänomen bringt. Es soll ja Menschen geben, die bei Facebook 2000 und mehr Freunde haben. Ich meine hier nicht Fans einer Fanpage, sondern private Freunde auf deren privatem Profil.

Also Menschen, die gemäß der Definition Freund diejenigen sind, die du auch mal zum Kaffee treffen könntest oder zu einem Kinobesuch. Denen du dein Herz ausschütten könntest und sie ihres dir.

Ganz davon zu schweigen, wie dies mit virtuellen Freunden gehen soll, steht ja auch die berechtigte Frage im Raum: Wie viele Freunde kann denn ein Mensch „verwalten“? Mit vielen Menschen kann er sich austauschen. Über Gefühle, über Interessen, über Ansichten.

Soziologen haben in Untersuchungen herausgefunden, dass eine natürliche Gruppe, die nur von Informationsaustausch zusammengehalten wird, maximal aus 150 Personen bestehen kann. Mit mehr Menschen können wir keine engen Beziehungen pflegen. Wir würden uns sonst hoffnungslos in der Menge verlieren.

Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, ist die Zahl deiner wirklichen Freunde weit geringer als eben diese genannten 150.

Denn mit wie vielen Freunden kannst du guten, engen Kontakt halten? Wie vielen würdest du deine Geheimnisse anvertrauen? Bei wie vielen könntest du dich vorbehaltlos öffnen, ganz du selbst sein?

Und so macht es meiner Meinung nach Sinn, sich ab und zu von sogenannten Freunden zu trennen. Auf Facebook geht das einfach. Ein Klick und weg sind sie. Sie erfahren es meist gar nicht, dass ihr nicht mehr „befreundet“ seid. 

 

Freundschaften verändern sich, weil du dich veränderst

Doch im realen Leben ist das nicht so leicht. Jeder von uns hat Freunde. Der eine mehr, der andere weniger. Freunde begleiten uns seit der Schulzeit, haben mit uns studiert oder die Ausbildung gemacht.

Im Laufe der Zeit kamen weitere Freunde hinzu, die unsere Interessen teilen. Die junge Mutter mit dem Kleinkind im gleichen Alter, die wir auf dem Spielplatz kennen gelernt haben.

Der Motoradfahrer, der in der gleichen Bikerclub ist wie wir. Oder der Vereinskollege, der zum Freund wurde.

Doch irgendwann fühlt es sich nicht mehr gut an. Nicht mehr so, wie der alte liebgewonnene Pullover, den du abends auf dem Sofa trägst und der so herrlich wärmt.

Es fängt ganz unscheinbar an, ganz verhalten. Wie ein leichtes unangenehmes Kratzen, um bei dem Beispiel Pullover zu bleiben.

Da ein kleiner negativer Gedanke, dort eine hingeworfene Bemerkung, eine flüchtige Geste. Und du fragst dich: „Was ist los mit uns? Weshalb nerven mich jetzt plötzlich Dinge an ihr oder ihm, die mir bis vor Kurzem nicht aufgefallen sind. War der oder die schon immer so“?

Und jetzt ist der Moment da, zu hinterfragen, was dir diese Freundschaft bedeutet.

Willst du an ihr festhalten, weil du deine Freundin, deinen Freund wirklich sehr gern hast und er oder sie dir wichtig ist?

Willst du an ihr festhalten, weil diese Freundschaft dich trägt? Weil du mit deinem Freund, deiner Freundin reden oder noch besser, schweigen kannst. Du mit ihr oder ihm Freude teilst und auch weniger fröhliche Lebensmomente.

Willst du diese Freundschaft, weil du von ihr einen Nutzen hast? Weil sie dir zum Beispiel gut tut, dich stärkt oder deinem Leben zusätzlichen Sinn gibt.

Oder willst du sie aufrechterhalten, obwohl sie nur noch aus alter Gewohnheit besteht? Und weil es doch ziemlich schwer ist, eine Freundschaft so von face to face zu beenden.

Denn das verlangt manchmal ganz schön viel Mut.

 

Es braucht Mut, sich von Bindungen zu lösen

Denn loslassen, bewusstes Abnabeln, eine Trennung – ob von Dingen oder von Personen, ist ein mutiger Schritt.

Und hat zuerst einmal etwas mit dem Wissen um deine Bedürfnisse zu tun.

Dir also bewusst zu sein, wer du bist, was du willst, wohin du willst. Und eben auch, wer, was oder wohin nicht.

Und wenn dir ganz klar ist, dir ganz bewusst ist, dass dieser Mensch, mit dem du noch vor kurzem geheime Gedanken, deine Ängste oder deine Hoffnungen geteilt hat, nicht mehr zu dir passt, dann solltest du entsprechend handeln.

Wenn du gar merkst, dass dieser Mensch dir nicht mehr gut tut, im Gegenteil er oder sie dir eher schadet, dann solltest du dich von ihm oder ihr umso schneller lösen.

Das ist wie mit Dingen. Etwas, was vor Jahren noch zu dir und deiner Persönlichkeit passte, mag heute wie ein Fremdkörper sein. Und Schränke oder Keller unnötig verstopfen.

Zwar verstopfen Menschen, die dir nicht mehr gut tun oder nicht mehr wichtig sind, keine Schränke, aber sie verstopfen deine Gedanken, deinen Geist und deine Gefühle.

Und können dir auf Dauer sogar schaden.

Denn sie blockieren dich in deiner Entwicklung. Kennst du die Situation, wenn du einem alten sogenannten Freund erzählst, dass du etwas vorhast, was – gelinde gesagt – ungewöhnlich ist.

Zum Beispiel den gutbezahlten Job aufzugeben, um ein Jahr um die Welt zu reisen. Oder du eine erneute Ausbildung machen wirst, die mit deinem bisherigen Beruf nichts zu tun hat.

Und was bekommst du zuallererst zu hören? „Bist du dafür nicht ein bisschen zu alt? Hast du dir das auch gut überlegt? Was machst du, wenn es schief geht?“

Die eigenen Ängste werden auf dich und deine Pläne projiziert und es wird gleich mal an deinen Verstand appelliert. „ Du solltest eigentlich schlauer sein.“

Solche Freunde sind nur schwer zu ertragen.

Da ist es doch besser, du suchst dir Freunde, die dich in deinen Plänen unterstützen. Die nicht sofort nur an das Negative denken, sondern auch in Chancen. Die an dich glauben.

Denn jede Lebensphase hat ihre eigenen Bedürfnisse und da macht es Sinn, sich von altem Ballast, ob Zeugs oder Menschen, zu trennen.

Motivationsratgeber sagen schon seit langem, dass du dir Menschen in deiner Umgebung suchen sollst, die zu deinen aktuellen Lebensplänen und –zielen passen. Weil sie ähnliche Ziele haben und auch mit gleichen Problemen zu kämpfen haben.

Diese Menschen, die im Idealfall zu Freunden werden, verstopfen nicht deinen Geist, noch deine Persönlichkeit. Im Gegenteil, sie ergänzen und bereichern dich.

 

Emotionen los lassen

Im Zuge dieser Entrümpelungsphasen wirst du auch mal traurig werden. Nicht unbedingt, wenn du dich von einem alten Pullover trennst oder von deinem kaputten Koffer.

Aber wenn es um den Freund aus Kindertagen geht, tut das schon weh. Und es hilft nichts; wenn du dich für eine Trennung entschieden hast, wirst du dich auch für die unguten Gefühle entscheiden.

Je bewusster du dir das machst, desto einfacher kannst du mit ihnen umgehen.

Doch es gibt noch andere Emotionen, von denen du dich bewusst trennen solltest. Die, die du hast, seitdem dich ein wichtiger Mensch verletzt hat.

Nehmen wir den Klassiker. Du bist geschieden, dein(e) Expartner(in) und du habt das einigermaßen gut hinbekommen. Obwohl du dich im Zuge der Scheidung ziemlich über ihn/sie geärgert hast.

Und daher kommen die versteckten negativen Gefühle ihm oder ihr gegenüber. Nichts Weltbewegendes, was du zur Sprache bringen müsstest oder gar wolltest. Aber sie arbeiten in dir. Mehr oder weniger ständig, mehr oder weniger unbewusst.

Du hast jetzt nur die Wahl zwischen zulassen oder loslassen. Du kannst dir denken, für was ich plädiere, oder?

Wenn du nicht möchtest, dass Gefühle dich sinnlos belasten oder du die Situation, der diese Gefühle entspringen, nicht ändern kannst oder willst, dann lass‘ diese Gefühle los.

Wie du das schaffen kannst, erfährst du in unserem nächsten Artikel.

Da geht es um Gefühle, um den Umgang mit Ihnen und um eine Methode, wie du dich leicht von schlechten Gefühlen verabschieden kannst.

Also, feel good, be happy und lass‘ los, was nicht mehr zu dir passt.

Wenn du das mit dem Entrümpeln genauer nachlesen magst, kannst du hier die Bücher, per Klick auf unsere Affiliatelinks, bestellen.

Magic Cleaning von Marie Kondo

Entrümpeln von Werner Tiki Küstenmacher

Auch würde mich interessieren, wie du das mit dem „entrümpeln“ hältst. Fällt es dir leicht oder trennst du dich nur ungern von Dingen, Menschen und Gefühlen? Schreibe uns doch einen Kommentar.